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Lob der Schöpfung

Samstag, 03 Oktober 2020

Lob der Schöpfung

Lob der Schöpfung - Franz von Assisi

Am 4. Oktober ist der Gedenktag des heiligen Franz von Assisi. Heuer fällt dieser Tag mit dem Erntedankfest zusammen, an dem der Schöpfung gedacht wird. Ein guter Zufall, denn Franziskus ist bekannt für seinen „Gesang auf die Schöpfung“, den Sonnengesang. Bewahrung der Schöpfung ist gegenwärtig eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe. Auch in kirchlichen Kreisen wurde sie als eines der Ideale christlichen Handelns erkannt (man höre das Hirtenwort des Augsburger Bischofs Betram).

Als Christ wird man sich allerdings vorsehen, Franziskus romantisch zu verniedlichen, etwa nach dem Motto: Franz fand die Natur in ihrem Eigenwert ganz toll, im Gegensatz zu einer Zeit, die die Erde um des Himmelreiches willen geringachtete. Nichts dergleichen; sein Gesang ist theo-logisch, auf das Verhältnis zwischen Gott und seiner Schöpfung bezogen. Zu Beginn des Sonnengesangs wird das deutlich: „Höchster, allmächtiger, guter Herr, dein sind das Lob, die Herrlichkeit und Ehre und jeglicher Segen. Dir allein, Höchster, gebühren sie, und kein Mensch ist würdig, dich zu nennen.“ Dann folgt die Aufzählung der kosmischen ‚Geschwister‘, die dieses Lob realisieren, Sonne, Mond, Wind, Wasser, Feuer.

Es geht also nicht um die Natur an sich, sondern um das Lob Gottes; und zwar zunächst mit einem höchst merkwürdigen Gedanken, dass nämlich Gott selbst „Lob“ ist. Daher kann er allein sich selbst gebührend loben: „dein ist das Lob“. Kein Mensch ist in der Lage, seine Lobwürdigkeit angemessen auszudrücken („ist würdig“). Zumal der Mensch sich prinzipiell immer wieder selbst an Gottes Stelle positioniert, selbst ‚gelobt‘ sein will (Erbsünde). Im Gegensatz zur Natur; sie will nichts, ist daher rein, unschuldig; sie lebt das aus, was ihr wesentlich bzw. von Gott ins Stammbuch geschrieben ist: in ihrem schlichten Da-sein, Gottes Ursprünglichkeit und Schönheit abzubilden und ihn so zu loben. „Die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes“ (Ps. 19). Nur in dieser Eigenschaft, als Abbild der Schönheit und Weisheit Gottes ist auch sie lob-würdig und eine Schwester des Franziskus. Sein Sonnengesang ist nicht ein „Loblied auf die Schöpfung“, sondern ein Lob Gottes mit der Schöpfung oder aufgrund der Schöpfung.

Die Ökologie, die gegenwärtig in aller Munde ist, auch in der christlichen Sozialethik, kann nach Franziskus nur Gott-bezogen begründet werden. Naturverklärendes Engagement für die Umwelt fällt früher oder später dem Pragmatismus, dem Nützlichkeitsstreben des Menschen zum Opfer. Nur wenn die Natur als Schwester und Bruder im Konzert des kosmischen Lobes Gottes begriffen wird, wird sie in ihrer unantastbaren, in Gott gründenden Würde erkannt, anerkannt und dann – hoffentlich – auch bewahrt.

P. Josip Gregur SDB

 

 

 

Wenn Dinge Kopf stehen (sollten)

Mittwoch, 23 September 2020

Wenn Dinge Kopf stehen (sollten)

Wenn Dinge Kopf stehen (sollten)

Den Menschen, besonders in Europas Norden, liegt die Ordnung sehr am Herzen. Ordnung tut gut, schafft Gewohnheit, gibt Sicherheit im Umgang mit Dingen und miteinander oder einfach: ‚Ordnung muss sein!‘ Ältere lieben Gewohnheit und Brauch, die Jüngeren finden sie eher anstrengend. Die meisten aber, die jüngeren und älteren leben angepasst.

Wie war das bei Jesus, an dem sich die Christen orientieren (sollten), war er angepasst? Sicher nicht. Jesus war kein artiger Zeitgenosse, schon eher ein Chaot, um es plakativ zu sagen: Er bricht das Sabbatgebot (Mt 12), er hält das Fasten nicht ein (Lk 5), er stößt die Tische der Händler im Tempel um (Mt 21), er kennt kein Zuhause (Mt 8), nennt die Gesetzeslehrer „übertünchte Gräber“ (Mt 23), er schert sich um verwandtschaftliche Bande nicht (Mk 3), er hat keine Berührungsängste mit den öffentlich geächteten Sündern (Lk 19) und kommenden Sonntag sagt er den Hohepriestern und den übrigen Volksvertretern sogar, dass „Zöllner und die Dirnen … eher in das Reih Gottes gelangen“ werden als die selbsterklärten ‚Ordentlichen‘ (Mt 21,31). Damit stellt er die gesellschaftlichen Gepflogenheiten auf den Kopf.

Das kann nur dann verwundern, wenn man übersieht, dass seine ganze Existenz ‚Kopf steht‘. Es gibt zwar welche, die beispielsweise ihre hochdotierte Managerstellung aufgeben und irgendwo, sozusagen auf einer einsamen Insel, alternativ leben. Aber dass jemand dabei seinen Egotrip aufgibt, davon ist kaum auszugehen. Von Jesus aber heißt es, ebenfalls kommenden Sonntag in der zweiten Lesung, er habe sich seiner Gottgleichheit „entäußert“ (‚entleert‘, griechisch kenosis; Phil 2), indem er Mensch wurde und sich selbst „bis zum Tod am Kreuz“ erniedrigte. Damit irritiert er nicht nur unsere Selbstverständlichkeit von Oben und Unten, sondern revolutioniert die gewöhnliche Denke in die christliche Denkordnung hinein. Maria hat diese schon in ihrem Magnifikat besungen: Gott „stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen“. Jesus muss nicht vom Thron des Ego gestürzt werden, er steigt freiwillig herab. So ist seine Selbstentleerung der Modus (die Theologen sagen: Sakrament) und Beispiel christlichen Lebens: Du sollst innerlich leer werden, dein Ego zurückstellen. Dann bist du für Gott und den Mitmenschen offen: ‚Nicht wie ich will, Vater, sondern wie du willst‘, so Jesus in Getsemani vor seinem Tod, dem endgültigen Loslassen.

Wow, hört sich das dramatisch und duster an! – Ist es aber nicht; halt ungewöhnlich. Denn die Logik dieser jesuanischen Revolution ist nicht, dass man am Schluss leer ausgeht, sondern, dass man von DEM erfüllt wird, der das Leben in Fülle ist. Das kapiert man freilich nur im Maß des eigenen Glaubens, sprich Gottesbeziehung. – Herr, hilf unserm Unglauben!

Einfangen

Samstag, 25 Juli 2020

Einfangen

Fast jede App, die du öffnest, schiebt die Werbung aller Art hinten nach. Und mit jedem Update wird’s mehr. War sie anfangs nur fast verschämt am oberen und unteren Ende, nervt sie jetzt zunehmend mit ihrer Großflächigkeit und dem ewigen Nachladen. Alle sind dabei, Menschen für ihre Anliegen und Produkte zu fangen. Die Ideologien machen es, die Politik macht es, und in Zeiten der Massenmedien gibt es kaum eine Institution ohne Internetauftritt. Was nicht veröffentlicht ist, existiert nicht, heißt es. Das ist nichts Neues, auf andere Art und Weise war es immer so. Denn einerseits muss man auf sich aufmerksam machen und andererseits schmeichelt es, wenn man umworben wird.

Wenn Jesus im Evangelium das Reich Gottes mit einem Fischernetz vergleicht (Mt 13,47), dann geht es ebenfalls ums ‚Einfangen‘. Er sendet seine Apostel in die Welt mit dem Auftrag, alle zu seinen Jüngern zu machen (Mt 28,19). Man hat nichts gegen Werbung, die gute Sachen anbietet. Was nervt, ist, wenn sich hinter der schönen Fassade Schrott verbirgt. An jesuanischer Werbung ist gut, dass sie dir nicht aufdringlich Kram andrehen will. Im Benediktbeurer Alten Festsaal gibt es ein Deckenbild, das Jesus als Angler zeigt. An seine Angel hat er nicht den Wurm, sondern sein Herz gehängt. Das unterscheidet ihn von Verführern. Sie wollen dich mit einem Wiederhaken einfangen. Jesus hat weder auf das schöne Reden noch auf die trügerische Miene gesetzt, sondern auf die innere Substanz, auf die überzeugende Tat und eben – auf das Herz, die Liebe. Er will nicht, dass du noch mehr hast, sondern ein authentischer Mensch wirst. Was Zeit braucht. Das besagt das Gleichnis von der langsam wachsenden Saat oder vom Himmelreich, das wie ein im Acker verborgener Schatz auf Entdeckung wartet.

Bei einer App kannst du die Werbung nicht einfach wegklicken. Aber wie du hier auf die billige Masche nicht hereinfällst, so sei auch sonst bei Schaumschlägern und Possenreißern vorsichtig. Schau zweimal hin, versuch, hinter die Fassade zu blicken. Und das Wichtigste: Schau, ob dort die Liebe oder das pure Interesse hervorlugt.

Zur Unterscheidung der Geister ist die stressfreie Zeit gut, wo man wieder zu sich selbst kommt und klarer sieht, z. B. die Ferien. Gute Zeit und bis zum Herbst wieder! 

P. J. Gregur

Weizen und Unkraut

Freitag, 17 Juli 2020

Weizen und Unkraut

 Unter den Vorhaltungen, die man den Religionen gewöhnlich macht, ist, dass sie für die Gewaltausbrüche zwischen Menschen und Gruppen verantwortlich seien. ‚Mein Gott ist der richtige, also kann ich dem deinen gegenüber nicht tolerant sein; meine Religion allein ist die seligmachende, also ist deine falsch; meine Konfession ist die echte, deine häretisch, also darf ich dich bekämpfen.‘ So oder ähnlich können die Schlussfolgerungen ausfallen, meint man. Auch das Christentum sei hier nicht ausgenommen. Habe man doch im Namen Gottes Kreuzzüge organisiert, Hexen verbrannt, die Abweichler auf den Scheiterhaufen geführt.

Ich lese gerade das Buch „Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert“, eine bis ins Letzte dokumentierte, spannende Untersuchung der Kirchengeschichte durch den Historiker Arnold Angenendt. Dort kann man die geistesgeschichtliche Komplexität in Bezug auf Hexen und Häretiker nachlesen: Es war z. B. die gesellschaftliche Angst, Gottes Zorn könnte wegen Häresie alle treffen. Hinsichtlich der religiösen (In-)Toleranz belegt der Autor, dass das Christentum die gesellschaftliche Gewalt gerade nicht gemehrt, eher im Rahmen des Möglichen eingeschränkt habe. Bei Stammesreligionen sei es plausibel, den eigenen Stammesgott den anderen aufzuzwingen. Die Universalreligionen aber hätten das Zeug, jedes Tellerranddenken zu überwinden. Vor allem im Christentum. Nicht nur, weil Jesus gesagt hat, wir sollten dem Schläger auch die andere Backe hinhalten (Mt 5,39). Sondern, weil er den unduldsamen Jüngern, die das Unkraut vom Weizen trennen wollten, im Evangelium des kommenden Sonntags „entgegnete: Nein, damit ihr nicht zusammen mit dem Unkraut den Weizen ausreißt. Lasst beides wachsen bis zur Ernte“ (Mt 13,28-30). Es ist die Sache Gottes, nicht der Menschen, den Weizen vom Unkraut zu scheiden. Auf dieses Wort haben sich die Besonnenen in der Kirche von Anfang an wirkungsvoll berufen, wenn es galt, das pseudoreligiöse Gewaltpotenzial in die Schranken zu weisen.

 Vor allem aber ist das Christentum deswegen prinzipiell gewaltlos, weil Jesus  selbst die Gewalt radikal abgelehnt hat. Wäre er sonst am Kreuz gestorben? Jesu Wort: „An ihren Früchten werdet ihr sie [falsche Propheten] erkennen“ (Mt 7,20), könnte man daher positiv so variieren: An ihrer Wurzel, an der Gewaltlosigkeit Jesu, werdet ihr die Christen erkennen. Auf ihre Rückfälle in vorchristliche Atavismen – Thomas v. Aquin, Martin Luther und Calvin nicht ausgenommen – kann sich die Christenheit gewiss nichts einbilden. Auf Jesus allerdings schon!

 P. J. Gregur

 

Die Himmelsleiter

Samstag, 11 Juli 2020

Die Himmelsleiter

Die Himmelsleiter ist ein Motiv das Maler und Betrachter seid Jahrhunderten in ihren Bann zieht. Vermutlich da die Leiter eine direkte Verbindung von Himmel und Erde – Gott und Mensch – darstellt. Die Bilder und Vorstellungen geben teilweise einen Einblick in die Beziehung eines Einzelnen zu Gott.

 

 

Hintergrund ist die Bibelstelle im Buch Genesis (Gen 28,10-22) als sich Jakob in Bet-El aufhält:

Jakob zog aus Beerscheba weg und ging nach Haran. Er kam an einen bestimmten Ort und übernachtete dort, denn die Sonne war untergegangen. Er nahm einen von den Steinen dieses Ortes, legte ihn unter seinen Kopf und schlief dort ein.

Da hatte er einen Traum: Siehe, eine Treppe stand auf der Erde, ihre Spitze reichte bis zum Himmel. Und siehe: Auf ihr stiegen Engel Gottes auf und nieder. Und siehe, der HERR stand vor ihm und sprach: Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham und der Gott Isaaks. Das Land, auf dem du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Deine Nachkommen werden zahlreich sein wie der Staub auf der Erde. Du wirst dich nach Westen und Osten, nach Norden und Süden ausbreiten und durch dich und deine Nachkommen werden alle Sippen der Erde Segen erlangen. Siehe, ich bin mit dir, ich behüte dich, wohin du auch gehst, und bringe dich zurück in dieses Land. Denn ich verlasse dich nicht, bis ich vollbringe, was ich dir versprochen habe.

Jakob erwachte aus seinem Schlaf und sagte: Wirklich, der HERR ist an diesem Ort und ich wusste es nicht. Er fürchtete sich und sagte: Wie Ehrfurcht gebietend ist doch dieser Ort! Er ist nichts anderes als das Haus Gottes und das Tor des Himmels. Jakob stand früh am Morgen auf, nahm den Stein, den er unter seinen Kopf gelegt hatte, stellte ihn als Steinmal auf und goss Öl darauf. Dann gab er dem Ort den Namen Bet-El - Haus Gottes - . Früher hieß die Stadt Lus. Jakob machte das Gelübde: Wenn Gott mit mir ist und mich auf diesem Weg, den ich gehe, behütet, wenn er mir Brot zum Essen und Kleider zum Anziehen gibt, wenn ich wohlbehalten heimkehre in das Haus meines Vaters, dann wird der HERR für mich Gott sein und dieser Stein, den ich als Steinmal aufgestellt habe, soll ein Gotteshaus werden. Von allem, was du mir gibst, will ich dir gewiss den zehnten Teil geben.


Wie ist unsere Leiter, unsere Beziehung zu Gott? Wackelt sie oder fehlt die nächste Stufe?

Was ist für dich ein wichtiger Ort geworden? Wo steht dein Haus Gottes?

Wir wünschen dir, dass du immer wieder weiter steigen kannst auf deiner Lebens-, ja deiner Himmelsleiter.


Michael Rösch und Heidi Esch

 

Sein Joch ist sanft

Freitag, 03 Juli 2020

Sein Joch ist sanft

Hört euch zuerst diese Musik aus Händels „Messias“ an: His yoke is easy, his burthen is light (https://www.youtube.com/watch?v=Va2tVRUNXCk). Der Komponist wollte offenbar mit der Durchsichtigkeit der Stimmen und der scheinbaren Leichtigkeit der Komposition das Wort Jesu musikalisch ausmalen: „Sein Joch ist sanft, seine Last ist leicht“ (Evangelium vom Sonntag). Wer das Stück aber im Chor eventuell schon mal mitgesungen hat, wird bestätigen, dass das alles andere als leicht zu singen ist.

Wie in der Händels Musik, so steckt nicht nur in diesem Wort, sondern eigentlich im ganzen Leben Jesu eine unauflösbare Dialektik („Geheimnis des Glaubens“): Er ist Retter der Welt und stirbt selbst am Kreuz; er ist die Wahrheit und wird als Traditionsverdreher beschimpft; er ist die Liebe, und wird vom Hass niedergebeugt; er verspricht Erhörung und doch bleibt scheinbar alles beim Alten.

Sein Joch ist sanft? Das Christentum, vor allem das katholische, wird oft denunziert und abgelehnt, weil es angeblich den Menschen die Lasten auflegt, statt sie ihnen zu nehmen: Gebote und Verbote en masse.  Deshalb schmierte man vor Jahren an die Mauern: Jesus ja, Kirche nein. Aber Jesus ist kein süßer Heilsbringer. Sein Joch ist das Kreuz.

Das Kreuz soll leicht sein? – Hier wird es schwierig und keinem ist übelzunehmen, der es nicht nachvollziehen kann, besonders den Leidenden nicht. Aber es geht nicht um Kreuz, das Leiden an sich. Sondern wie ich mit dem Kreuz umgehe: Nicht abwerfen wollen, das geht sowieso meistens nicht. Annehmen heißt schon psychologisch die Devise. Der Clou des Christentum aber: sein Joch mit Christus tragen.

Ich habe einmal als Diakon in Augsburg Don Bosco einer Frau die Kommunion bringen sollen. Sie saß im Rollstuhl, beide Beine wurden ihr abgenommen. Ich hatte Angst, die Verbitterung vorzufinden. Es begegnete mir aber kein Elend, sondern eine gelassene, die Ruhe ausstrahlende, tief gläubige Christin. „Die Leute meinen, sie müssen mich trösten, wenn sie kommen. Am Schluss ist es umgekehrt: ich tröste sie.“ Diese Frau hatte es offenbar erfahren: His yoke is easy, his burthen is light (.

Vielleicht hörst du dir noch ein anderes Stück an, das um Gottvertrauen wirbt, den Choral bzw. das Gotteslob-Lied 416: „Was Gott tut, das ist wohlgetan, es bleibt gerecht sein Wille; wie er fängt seine Sachen an, will ich ihm halten stille. Er ist mein Gott, der in der Not mich wohl weiß zu erhalten; drum lass ich nur walten.“ Diesmal vom großen ‚Kollegen‘ Händels, von J. S. Bach: (https://www.youtube.com/watch?v=2PlHqNMssHI, GL 416). Denn "mehr als Worte sagt ein Lied."

 

P. J. Gregur

Offline-Angebot: Klangfarben

Mittwoch, 01 Juli 2020

Offline-Angebot: Klangfarben

Schau doch mal im Meditationsraum vorbei und verbringe deine "online-freie" Zeit in schöner Atmosphäre.

Dort liegen CDs bereit, die du in den CD-Player einlegen kannst. Während des Hörens kannst du dann, passend zur Tracknummer, ein Feld auf dem Rahmen mit dieser Zahl ausmalen.

Der Priester

Donnerstag, 25 Juni 2020

Der Priester

Der 29. Juni, Hochfest Peter und Paul, oder drum herum, ist der traditionelle Tag der Priesterweihe. Am kommenden Sonntag (28. 6.) werden vier Kandidaten im Augsburger Dom zu Priestern geweiht.

Braucht es noch Priester? – Hängt davon ab, was man darunter versteht.

Wenn bei uns  daheim der Pfarrer zu Besuch kam, da machte die Oma in bäuerlicher Strenge mit uns Kindern kurzen Prozess: Die Hand küssen und raus! Damit wir bei den Gesprächen nicht stören. Und als ich vor einigen Jahren auf Griechenlandreise in einer Ikonenwerkstatt als Priester identifiziert wurde, stand der junge Künstler schweigend auf, ging in sein Depot und kam mit einer kleinen Marienikone zurück: Das ist für Sie. – Hat mich total berührt, vor allen Leuten so ausgezeichnet zu werden.

Was ist das Motiv für das uns fremde, archaische Hand-Küssen und Herausheben eines Priesters? Sicher nicht seine menschliche Qualität und seine Leistung. Es ist eher das Wort Jesu vom Sonntagsevangelium: „Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat. Wer einen Propheten aufnimmt, weil es ein Prophet ist, wird den Lohn eines Propheten erhalten.“ (Mt 10,40f)

Als der frühere Grazer Bischof Johann Weber nach dem Sinn des Zölibats gefragt wurde, meinte er ungefähr: Wegen der ‚Aufregung‘ der Auferstehung. Die Auferstehungsbotschaft sei so abenteuerlich, dass man die ‚Welt‘ vergessen und zum ‚Geistlichen‘ werden kann, zum Zeugen und zum Symbol für das, was unsere Vorstellungen übersteigt. Der Priester: kein Macher also, eher eine Schwellenexistenz, geweiht, um schon durch sein Dasein einen Spalt zum Himmel offen zu halten.

Allem Anschein zum Trotz wird es auch in Zukunft Symbolfiguren brauchen, Menschen, die in der Welt des Materiellen eher wenig einbringen, geistig/geistlich aber höchst Sinn-voll sind: die Künstler beispielsweise, die Philosophen, die Ordensleuzte und - sakramental - eben auch die Priester.

P. J. Gregur

Sich bekennen

Freitag, 19 Juni 2020

Sich bekennen

Ein Satz von Jesus im Evangelium des 12. Sonntag im Jahreskreis spricht mich immer wieder besonders an. „Jeder, der sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.“ (Mt 10, 32f). Und er gibt mir zu denken: Hat Jesus es nötig, dass ich ihn vor den Menschen herposaune? Religion ist doch Privatsache, wie einige sagen. Andererseits, was wäre das für ein Freund, der in seiner Clique nicht zu mir steht? Oder der beim Mobbing des Arbeitskollegen den Schwanz einzieht?

Jesus und Mobbing? Na klar: Er wurde ausgestoßen und vor den Stadttoren gekreuzigt. Und die sich zu ihm bekannt haben, die Jünger, später auch die Märtyrer (Zeugen), die hat man allesamt umgebracht. An erster Stelle den Petrus, der seinerzeit im Gerichtshof dreimal gesagt hat er kenne ihn nicht. Das hat er bitter bereut, in Rom sollte ihm das nicht nochmal passieren. Jetzt stand er zu seinem Meister und ließ sich kopfüber kreuzigen.

Wenn ich an den Straßenecken die Zeugen Jehovas mit ihrem „Wachturm“ sehe, steigt in mir – auch wenn ich ihre Ansichten nicht teile – ein Gefühl der Achtung auf. Würde ich mich für meinen Glauben den Blicken aussetzen? Hab ich doch schon Probleme, mich in der Mensa vor dem Essen zu bekreuzigen. An jene mag ich nicht mal denken, die im vorauseilenden Gehorsam (political correctness) das Kreuz in der Öffentlichkeit abhängen würden.

Man kommt bei Jesus immer wieder auf dasselbe: auf die Liebe. Wer liebt, der steht dazu. Jesus droht nicht mit dem zitierten Wort. Er sagt nur, dass die Liebe auf Gegenseitigkeit beruht.

P. J. Gregur

Es macht die Wüste so schön, dass sie einen Brunnen hat

Sonntag, 14 Juni 2020

Es macht die Wüste so schön, dass sie einen Brunnen hat

Im Sonntagsgottesdienst hören wir in der Ersten Lesung aus dem Buch Exodus. „In jenen Tagen kamen die Israeliten in die Wüste Sínai. Sie schlugen in der Wüste das Lager auf.“ (Ex 19,2)

Das Volk Gottes muss durch die Wüste ziehen damit die Verheißung in Erfüllung geht. Auch wir machen immer wieder Erfahrungen, die wir mit einer Wüste vergleichen. Allerdings sollte die Wüste nicht nur negativ betrachtet werden – als dürres Land ohne viel Lebendigkeit.

Wir können wertvolle Erlebnisse, ja Perspektivenwechsel in Wüstenzeiten erfahren. Vielleicht stoßen wir bei unseren Wüstenwanderungen auch auf neue Quellen.

 

 

Mit diesem Video wollen wir euch einladen das Bild, das nach einem Zitat von Antoine de Saint-Exupéry benannt ist, näher zu betrachten: „Es macht die Wüste so schön, dass sie einen Brunnen hat.“ Heidi Esch ist seit vielen Jahren als Künstlerin aktiv und hat es gemalt.

Wir wünschen euch, dass ihr immer wieder Brunnen und Quellen in euren Wüsten des Alltags findet.

Michael Rösch und Heidi Esch

 

Dreifaltigkeitssonntag

Freitag, 05 Juni 2020

Dreifaltigkeitssonntag

Eins plus Eins plus Eins ist Eins, so der letzte Woche verstorbene österreichische Theologe Philipp Harnoncourt. Ein mathematischer Nonsens. Aber es gibt mehr als Mathe, die Beziehung. Und da gelten andere Summen: Einheit der Familie, Vater, Mutter, Kind; dialektische Einheit, These, Antithese, Synthese; Einheit der Gemeinschaft: Ich, Du, Wir; göttliche Einheit: Vater, Sohn, Heiliger Geist.

Dreieinigkeit Gottes, einer der Haupteinwände gegen das Christentum. Verständlich, denn sie ist unverständlich: „Eher werde ich das Meer mit der Nussschale wegschöpfen als Du die Trinität begreifen“, sagte ein Kind zum verdutzten Philosophen Augustinus.

Wir verstehen die Trinität nicht, aber wir ahnen im Tiefsten, dass es so sein muss – weil Gott die Liebe ist. Es gibt keine selbstgenügsame Liebe. Die Liebe muss sich mitteilen (Vater), sonst ist sie keine. Dazu braucht sie ein antwortendes Gegenüber (Sohn), sonst ginge sie ins Leere. Das göttliche Hin- und Zurücklieben ist unermesslich und unvergänglich, es wird selbst substantiell (Heiliger Geist).

So ist Gott der dreieine das Urmuster allen Liebens. Was Wunder, wenn die Liebe ein ewiges Thema bleibt, zigtausend Mal besungen und doch nie ausgelotet. Dass sie aber das Wichtigste ist, diese Ahnung treibt uns nicht nur in der Musik um. Und das wird so bleiben bis wir die anschauende Gewissheit haben – im Himmel.

Das kommende Dreifaltigkeitsfest: ein Fest der Beziehung und Liebe.

P. J. Gregur

Synergie des Heiligen Geistes (Semestereröffnungsgottesdienst)

Donnerstag, 28 Mai 2020

Synergie des Heiligen Geistes (Semestereröffnungsgottesdienst)

Zwölf Jünger und Maria, versammelt in Jerusalemer Obergemach zum Gebet. Auf jeden senkt sich der Heilige Geist in der Gestalt der Feuerzunge nieder. Dreizehn Flammen und doch ein einiger Geist – Synergie des Heiligen Geistes, Urbild der Kirche. Auch auf uns kam in der Taufe und der Firmung der Geist Gottes herab. So wurden wir zu pfingstlichen Menschen, zu Be-Geisterten; theoretisch – und praktisch?

Trag was bei, hieß es einmal in Österreich bei der Einwerbung der Kirchensteuer. In erster Linie gilt für die Glieder der Kirche jedoch, dass alle ‚ihren‘ Teil der empfangenen Geistesgabe beisteuern. Niemand soll fernbleiben, wenn es darum geht, in Gebet und Gottesdienst den Tempel des Heiligen Geistes, die Gemeinschaft der Glaubenden aufzubauen.

Hier ist noch einmal die Aufnahme unseres Semestereröffnungsgottesdienstes zu sehen. Er war ökumenisch, KHG und ESG. Auch da wurden die verschiedenen Gaben des christlichen Geistes zu einem Ganzen.

 

 

Gesegnete Pfingsten!

Im Namen von KHG-Team P. J. Gregur

Liebe Maria - ein Brief

Samstag, 23 Mai 2020

Liebe Maria - ein Brief

 Liebe Maria, zwar habe ich schon oft zu dir im Gebet gesprochen, oft mit anderen, öfter noch alleine. Es war aber sozusagen nur ein Blick von unten nach oben. Wenn mich jetzt dein Monat Mai inspiriert, dir zu schreiben, so tue ich es als dein Gegenüber; man sagt ja du seist unsere Schwester, die mit uns in die gleiche Richtung schaut. Zwar bin ich der Überzeugung, dass ein Lied mehr sagt als tausend Worte. Gleichzeitig nehme ich wahr, dass es immer weniger sind, die hier mitsingen, dein Lob wird leiser. Manchen bist du zu süßlich, zu verträumt. Den Aufgeklärten ist dein – wie sie meinen – hochfrisiertes Bild zur Quasi-Gottheit suspekt. So schlagen zwei Herzen auch in meiner Brust bzw. das Herz und der Verstand streiten um die Deutungshoheit, befeuert mit den Eindrücken und Meinungen von außen. Bist du die, die du bist, oder die, die wir aus dir machen? Als Jungfrau und Mutter kennt dich die Schrift. Du selbst bekennst dich da als die Magd des Herrn; den einen als Kraftquelle zum Dienst, den anderen unter Verdacht, die Niedrigkeit der Niedrigen dadurch nur gefestigt zu haben. Wird mit dir in all den frommen Bildern und Statuen, die dich auf das Schweigepodest hieven, nicht Missbrauch getrieben? Wo du doch im Magnifikat den Mächtigen und Reichen die Leviten liest. Oder versteht man dich auch hier falsch, weil du nur feststellen wolltest, was Gott tut: er stürzt im Endeffekt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen, er lässt die Reichen leer ausgehn und nimmt sich seines Knechtes Israel an. Dagegen steht freilich unser stolzer Drang zum Ich: „Der eigene Wille sei der Herr des Menschen, die eigene Lust sein einziges Gesetz, die eigene Kraft sein ganzes Eigentum, denn das Heilige ist allein der freie Mensch, und nichts Höheres ist denn Er“ (R. Wagner). Haben wir allesamt, die Oberen und die Unteren, vielleicht übersehen oder verlernt, was du uns mit dem Jesuskind an göttlicher Logik entgegenhältst: Einen, der keine Macht, sondern nur Vollmacht hat; einen, der gekommen ist, sich nicht bedienen zu lassen, sondern zu dienen; einen, der keine Legionen aufstellen, sondern nur den Willen des Vaters erfüllen wollte; einen, dem am Kreuz das Wort galt: Ein Wurm bin ich und kein Mensch; einen allerdings auch, der dich mit seiner Auferstehung erfreut und aufgerichtet hat. Liebe Maria, ist deine wortlose Gestallt auf den Altären vielleicht ein Reden, das aus dem Schweigen kommen muss? Bist du ein Modell mehr zum Meditieren als zum ‚Aktivieren‘?

 Je mehr ich mich steigere, desto unsicherer werde ich, ob nicht jene es besser treffen, die mit dem Herzen sehen und die im Gesang mit dir in Verbindung sind: Weil du schweigst, bevor du das Magnifikat anstimmst; weil du leer wirst, um Platz zu machen, weil deine Niedrigkeit die Bedingung deiner Größe ist und du nur in der Herrlichkeit Seiner Strahlen so schön bist. Vielleicht erschließt sich so an dir der Sinn des rätselhaften Diktums Dostojewskis, dass es die Schönheit sei, die die Welt retten wird. So lasse ich‘s denn und gebe mich der liturgischen Lyrik hin, die mein Geschwätz zu beruhigen vermag: „Ganz schön bist du, o Maria! Und der Makel der Erbsünde ist nicht an dir. Du bist der Ruhm Jerusalems, du die Freude Israels, du die Ehre unseres Volkes; o Maria!“ Bis bald, dein

 P. J. Gregur

 

Wissen und Glauben

Donnerstag, 14 Mai 2020

Wissen und Glauben

Glauben heißt „nix wissen“, hört man manchmal. Und nichts wissen ist schlecht, nach dem Motto: Je aufgeklärter, desto fortschrittlicher; jene, die glauben, was man nicht wissen kann, sind halt ein wenig zu simpel geraten.

Wenn das so einfach wäre!

Denn das Meiste muss man glauben. Du überprüfst z. B. meistens nicht, ob dich der Autor eines Buches sachlich informiert oder die Zeitung dich nicht manipuliert. Und du glaubst, dass der Lexikonartikel stimmt. Noch weniger kannst du wissen, ob es der andere ehrlich mit dir meint. Zigmal im Alltag ist man darauf angewiesen, was die anderen sagen. Vom Säuglingsalter an vermehren wir durch Glauben unser Wissen.

In der 2. Lesung des kommenden, des 6. Ostersonntags werden wir aufgerufen, „jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt“ (1Petr 3,15). Wenn mich jemand fragt, warum ich Christ bin, sollte ich dazu schon etwas sagen können. Einer der Großen in der Alten Kirche, Tertullian, meinte zwar er glaube gerade deshalb, weil es dem Verstand absurd erscheint (credo quia absurdum). Und Paulus schreibt im ersten Korintherbrief, dass den aufgeklärten Heiden die Kunde vom Gekreuzigten geradezu töricht vorkommen musste (1Kor 1,18). Wozu soll ein Gescheiterter gut sein? Gleichzeitig unternahm er in seinen Schriften alles, um die christliche Lehre logisch zu untermauern. Viele andere nach ihm auch.

Im Gegensatz zu heute war in der Alten Kirche das Wissen über den Glauben sehr wichtig. Man hat ewig diskutiert, studiert und geschrieben, man hat sich teilweise bis aufs Blut über Glaubensfragen gestritten. Nicht nur die Theologen, angeblich haben auch die Marktfrauen von Konstantinopel sich darüber erhitzen können, ob Jesus Christus gottgleich ist, oder ob er nur ein besserer Mensch gewesen war. Denn wenn er nur ein Mensch war, dann konnte er in punkto Sinn des Lebens bzw. Heil des Menschen genauso wenig ausrichten wie die übrigen Weisheitslehrer auch.

  Der langen Rede kurzer Sinn: Wir sollten unser Glaubenswissen vertiefen, uns informieren, damit nicht jeder Stammtischwitz über die Kirche uns in die Knie zwingt oder die ewigen Halbwahrheiten über Kreuzzüge und Hexenprozesse uns kleinlaut machen.

Und doch: Wenn das Glaubenswissen auch ganze Bibliotheken füllt und es theologische Fakultäten gibt, der christliche Glaube ist letztlich doch was anderes, etwas Existentielles. Er ist Beziehung, Vertrauen, letztlich Liebe. Deshalb heißt es bei den weisen Menschen nicht: ich erkenne, damit ich glaube, sondern umgekehrt: Credo ut intelligam, ich glaube, damit ich erkenne (Augustinus, Anselm). Weil du deinen Freund, deine Freundin magst, glaubst du, was er/sie sagt. Einem Fremden gegenüber bist du skeptisch. Erst die Sympathie, die Liebe, eröffnet dir die tiefere Wahrheit über dein Gegenüber. „Man sieht nur mit dem Herzen gut“ (A. de Saint-Exupéry). Die anderen sagen vielleicht: Wie kann sie/er sich nur in den/die verlieben? Aber weil du liebst, weißt du, dass er/sie einzigartig ist. Sollte das bei Jesus anders sein?

P. J. Gregur

Wohnung haben

Freitag, 08 Mai 2020

Wohnung haben

Wohnung haben

Was es heißt, eine Wohnung haben oder nicht haben, davon könnte so mancher Erstsemestler ein Lied singen. Und erst recht ein Ausländer oder Flüchtling! Auch Jesus war ein solcher, von Anfang an, man denke an die Krippe oder die Flucht nach Ägypten. Und als später ein Schriftgelehrter bei ihm in die Schule gehen wollte, warnte ihn Jesus: „Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann“ (Mt 8,20).

 Doch irgendwo muss er gewohnt haben! Wohnung ist wichtig. Wohnung gehört zu den Grundrechten des Menschen. Und Wohnung tut gut: Ein Ort, wo ich leger die Füße hochlegen kann, das Makeup abnehmen und mich im Spiegel sehen kann wie ich wirklich bin, kein Lächeln mehr aufsetzen muss. Andererseits ist Wohnung wie ein Fußabdruck meiner Persönlichkeit: meine Bilder, mein Schreibtisch, meine Ordnung oder mein Chaos, sie zeigen, wer ich bin, erzählen auf einen Blick von meiner Einstellung zum Leben.

Vielleicht haben deshalb zwei junge Leute, die Jesus interessant fanden – einer von ihnen hieß Andreas – ihm als allererstes die Frage gestellt: „Rabbi – das heißt übersetzt: Meister –, wo wohnst du? Er sagte zu ihnen: Kommt und seht!“ Wenn er einmal sagte, keinen Ort zu haben, wo er sich bequem hinlegen könnte, dann wird das jetzt nicht gerade eine Suite gewesen sein. Eher ein Zelt, vielleicht etwas im Freien, zusammengeflochten aus Zweigen und Gras. Wir wissen es nicht. Jedenfalls waren die zwei Idealisten nicht enttäuscht, denn es heißt: „Da kamen sie mit und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm“ (Joh 1,38f).

Warum bei einem Aussteiger bleiben? – Vielleicht hat er ihre Frage zum Anlass genommen und ihnen gezeigt, wie wichtig ihm das Wohnen doch war. Allerdings eben nicht die gemütliche Studentenbude. Sondern das, wovon er im Evangelium des 5. Ostersonntags spricht: „Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich! Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten?“ (Joh 14,1f)

Jesus weiß also: Wohnung haben oder nicht haben kann entscheidend sein. Junge Leute können überall gut schlafen. Doch auch sie machen die Erfahrung: Was nützt mir eine tolle WeGe, wenn ich dort menschlich keine Aufnahme finde? Und die Betuchten wissen es ebenso: Was nützt ein Bungalow oder die Villa am Meer, wenn es im Herzen zieht; wenn ich geistig umherirre nach Anerkennung, Beziehung und Liebe?

Du kannst dem materiell oder geistig Obdachlosen meistens nicht weit helfen. Aber dein interessiertes „Wo wohnst du innerlich“ oder, als Christ/in, „Komm und sieh …“ kann den anderen vielleicht für eine kurze Zeit (für „jenen Tag“ bei Jesus) aus der inneren Heimatlosigkeit herausführen.

 Pater J. Gregur

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