Wenn Dinge Kopf stehen (sollten)

Mittwoch, 23 September 2020

Wenn Dinge Kopf stehen (sollten)

Wenn Dinge Kopf stehen (sollten)

Den Menschen, besonders in Europas Norden, liegt die Ordnung sehr am Herzen. Ordnung tut gut, schafft Gewohnheit, gibt Sicherheit im Umgang mit Dingen und miteinander oder einfach: ‚Ordnung muss sein!‘ Ältere lieben Gewohnheit und Brauch, die Jüngeren finden sie eher anstrengend. Die meisten aber, die jüngeren und älteren leben angepasst.

Wie war das bei Jesus, an dem sich die Christen orientieren (sollten), war er angepasst? Sicher nicht. Jesus war kein artiger Zeitgenosse, schon eher ein Chaot, um es plakativ zu sagen: Er bricht das Sabbatgebot (Mt 12), er hält das Fasten nicht ein (Lk 5), er stößt die Tische der Händler im Tempel um (Mt 21), er kennt kein Zuhause (Mt 8), nennt die Gesetzeslehrer „übertünchte Gräber“ (Mt 23), er schert sich um verwandtschaftliche Bande nicht (Mk 3), er hat keine Berührungsängste mit den öffentlich geächteten Sündern (Lk 19) und kommenden Sonntag sagt er den Hohepriestern und den übrigen Volksvertretern sogar, dass „Zöllner und die Dirnen … eher in das Reih Gottes gelangen“ werden als die selbsterklärten ‚Ordentlichen‘ (Mt 21,31). Damit stellt er die gesellschaftlichen Gepflogenheiten auf den Kopf.

Das kann nur dann verwundern, wenn man übersieht, dass seine ganze Existenz ‚Kopf steht‘. Es gibt zwar welche, die beispielsweise ihre hochdotierte Managerstellung aufgeben und irgendwo, sozusagen auf einer einsamen Insel, alternativ leben. Aber dass jemand dabei seinen Egotrip aufgibt, davon ist kaum auszugehen. Von Jesus aber heißt es, ebenfalls kommenden Sonntag in der zweiten Lesung, er habe sich seiner Gottgleichheit „entäußert“ (‚entleert‘, griechisch kenosis; Phil 2), indem er Mensch wurde und sich selbst „bis zum Tod am Kreuz“ erniedrigte. Damit irritiert er nicht nur unsere Selbstverständlichkeit von Oben und Unten, sondern revolutioniert die gewöhnliche Denke in die christliche Denkordnung hinein. Maria hat diese schon in ihrem Magnifikat besungen: Gott „stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen“. Jesus muss nicht vom Thron des Ego gestürzt werden, er steigt freiwillig herab. So ist seine Selbstentleerung der Modus (die Theologen sagen: Sakrament) und Beispiel christlichen Lebens: Du sollst innerlich leer werden, dein Ego zurückstellen. Dann bist du für Gott und den Mitmenschen offen: ‚Nicht wie ich will, Vater, sondern wie du willst‘, so Jesus in Getsemani vor seinem Tod, dem endgültigen Loslassen.

Wow, hört sich das dramatisch und duster an! – Ist es aber nicht; halt ungewöhnlich. Denn die Logik dieser jesuanischen Revolution ist nicht, dass man am Schluss leer ausgeht, sondern, dass man von DEM erfüllt wird, der das Leben in Fülle ist. Das kapiert man freilich nur im Maß des eigenen Glaubens, sprich Gottesbeziehung. – Herr, hilf unserm Unglauben!