Verkannte Liebe?

Freitag, 07 Mai 2021

Verkannte Liebe?

 „Frühmorgens im blühenden Mai, da Berge noch schliefen und der Mond nicht untergehen wollte, öffnete ich leise die wacklige Gartentür, das Reisebündel um die Schulter werfend. Die alte Mutter ging hinter mir her, stumm den Blick zur Erde gesenkt: Sie konnte nicht wissen, was in der Seele mir vorging und warum seit gestern ich kein Wort mehr sprach; so Vieles wollten wir uns noch sagen, doch alles entschwunden ist jetzt.“[1]

So ungefähr fasst ein kroatisches Lied den Abschied eines Bauernjungen von seiner Heimat, um sich in der Welt zu beweisen. Die wehmütige Szene weckt auch meinerseits die Erinnerung an die zahlreichen Abschiedsszenen: Meiner Mutter muss mein Aufbrechen nach Deutschland jedes Mal wie eine Reise ans Ende der Welt vorgekommen sein. Und immer wollte sie etwas mitgeben, wenigstens den Proviant, den ich zwar nahm, aber stets ungeduldig kommentierte, vielleicht um die bedrückte Stimmung zu kaschieren: „Ich kann doch unterwegs einkehren oder mir was Frisches kaufen.“ Sie ihrerseits ertrug kommentarlos die Lieblosigkeit. Mir aber zog es unterwegs, beim Auspacken, das Herz zusammen: Wollte sie doch mit der bescheiden eingepackten Gabe etwas von sich selbst mitgeben.

So sind die Mütter eben. Sie ertragen, dass ihre Herzenswärme oft dümmlich verkannt wird. Ist das nicht überhaupt das Schicksal des Mütterlichen, das nicht nur im Privaten unterschätzt wird, sondern in einer durchökonomisierten Gesellschaft insgesamt eine schlechte Reputation hat? Mir kommen dabei die drei belächelten ‚Ks‘ in den Sinn: Kinder, Küche, Kirche; wer möchte schon darauf reduziert werden? Dabei sind Kinder die Zukunft der Gesellschaft, die Küche elementare Grundlage des Lebens und die Kirche die Platzhalterin für den Sinn des Ganzen. Wobei, klarerweise, die Väter hier inzwischen nicht weniger gefordert sind.

Was mich aber bei diesem Thema auch noch bewegt, ist das oft pubertär anmutende Gebaren gegenüber der mater ecclesia, der Kirche in der alten Metapher des Mütterlichen. Von ihr möchte man erst recht nicht ‚bemuttert‘ werden. Dass sie uns aus der Taufe gehoben hat, den Ursprung und das Ziel des Lebens erschließen will, an der Wiege der christlichen Kultur stand und ihr das soziale Gewissen einpflanzte (vgl. Paulus); und dass sie ihren ‚Kindern‘ weiterhin Sonntag für Sonntag – bei allen Abstrichen – die Quintessenz der Botschaft Jesu überliefert und einschärft: „Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, so wie ich euch geliebt habe“ (Sonntagsevangelium): all das scheint oft nicht viel zu gelten. Erst recht schätzt man ihren Proviant an Sakramenten gering; man könne sich ja die Heilmittel angeblich selbst und woanders besorgen. Zugegeben: Sie hat sich durch ihre schlechten Sachwalter nicht selten stiefmütterlich gegeben. Dennoch, glaube ich, wird auf lange Sicht hin, von den Besonnenen zumindest, ihre Verkennung bemerkt und ihr möglicherweise verlegen nachgerufen werden: Verzeih, Missachtete; schön, dass es dich gibt!

Den irdischen Mamas aber, da man sie nicht ewig hat, soll nicht irgendwann, sondern jetzt schon ein Dankeschön für die selbstlose Mütterlichkeit gesagt werden: Sie leben hoch!

Einen schönen Mutter-Sonntag!

P. J. Gregur

 



[1] https://www.youtube.com/watch?v=pe_ms84GXJk