Liebe Maria - ein Brief

Samstag, 23 Mai 2020

Liebe Maria - ein Brief

 Liebe Maria, zwar habe ich schon oft zu dir im Gebet gesprochen, oft mit anderen, öfter noch alleine. Es war aber sozusagen nur ein Blick von unten nach oben. Wenn mich jetzt dein Monat Mai inspiriert, dir zu schreiben, so tue ich es als dein Gegenüber; man sagt ja du seist unsere Schwester, die mit uns in die gleiche Richtung schaut. Zwar bin ich der Überzeugung, dass ein Lied mehr sagt als tausend Worte. Gleichzeitig nehme ich wahr, dass es immer weniger sind, die hier mitsingen, dein Lob wird leiser. Manchen bist du zu süßlich, zu verträumt. Den Aufgeklärten ist dein – wie sie meinen – hochfrisiertes Bild zur Quasi-Gottheit suspekt. So schlagen zwei Herzen auch in meiner Brust bzw. das Herz und der Verstand streiten um die Deutungshoheit, befeuert mit den Eindrücken und Meinungen von außen. Bist du die, die du bist, oder die, die wir aus dir machen? Als Jungfrau und Mutter kennt dich die Schrift. Du selbst bekennst dich da als die Magd des Herrn; den einen als Kraftquelle zum Dienst, den anderen unter Verdacht, die Niedrigkeit der Niedrigen dadurch nur gefestigt zu haben. Wird mit dir in all den frommen Bildern und Statuen, die dich auf das Schweigepodest hieven, nicht Missbrauch getrieben? Wo du doch im Magnifikat den Mächtigen und Reichen die Leviten liest. Oder versteht man dich auch hier falsch, weil du nur feststellen wolltest, was Gott tut: er stürzt im Endeffekt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen, er lässt die Reichen leer ausgehn und nimmt sich seines Knechtes Israel an. Dagegen steht freilich unser stolzer Drang zum Ich: „Der eigene Wille sei der Herr des Menschen, die eigene Lust sein einziges Gesetz, die eigene Kraft sein ganzes Eigentum, denn das Heilige ist allein der freie Mensch, und nichts Höheres ist denn Er“ (R. Wagner). Haben wir allesamt, die Oberen und die Unteren, vielleicht übersehen oder verlernt, was du uns mit dem Jesuskind an göttlicher Logik entgegenhältst: Einen, der keine Macht, sondern nur Vollmacht hat; einen, der gekommen ist, sich nicht bedienen zu lassen, sondern zu dienen; einen, der keine Legionen aufstellen, sondern nur den Willen des Vaters erfüllen wollte; einen, dem am Kreuz das Wort galt: Ein Wurm bin ich und kein Mensch; einen allerdings auch, der dich mit seiner Auferstehung erfreut und aufgerichtet hat. Liebe Maria, ist deine wortlose Gestallt auf den Altären vielleicht ein Reden, das aus dem Schweigen kommen muss? Bist du ein Modell mehr zum Meditieren als zum ‚Aktivieren‘?

 Je mehr ich mich steigere, desto unsicherer werde ich, ob nicht jene es besser treffen, die mit dem Herzen sehen und die im Gesang mit dir in Verbindung sind: Weil du schweigst, bevor du das Magnifikat anstimmst; weil du leer wirst, um Platz zu machen, weil deine Niedrigkeit die Bedingung deiner Größe ist und du nur in der Herrlichkeit Seiner Strahlen so schön bist. Vielleicht erschließt sich so an dir der Sinn des rätselhaften Diktums Dostojewskis, dass es die Schönheit sei, die die Welt retten wird. So lasse ich‘s denn und gebe mich der liturgischen Lyrik hin, die mein Geschwätz zu beruhigen vermag: „Ganz schön bist du, o Maria! Und der Makel der Erbsünde ist nicht an dir. Du bist der Ruhm Jerusalems, du die Freude Israels, du die Ehre unseres Volkes; o Maria!“ Bis bald, dein

 P. J. Gregur