Kirche am "toten Punkt"

Freitag, 11 Juni 2021

Kirche am

 

 Die Kirche in Deutschland ist an einem „toten Punkt“ angekommen. Dieser Satz stammt aus dem Brief, mit dem Kardinal Marx in der vergangenen Woche um seinen Rücktritt gebeten hat. Er beschäftigt mich sehr. „Die Kirche ist nicht mehr zukunftsfähig – warum arbeitest du für die?“ Kritik dieser Art (an mich) kam schon während meines Studiums und Ausbildungszeit. Damals hätte ich schnell widersprochen. Heute, mit den Worten des Kardinals und den Nachrichten der letzten Zeit, fällt mir eine eindeutige Antwort schwer. Die Realität ist furchtbarer als ich sie mir ausgemalt hatte.

Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät;
dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst
und der Mann weiß nicht, wie.

Das Evangelium vom Sonntag macht einen krassen Kontrast zu dem wie ich mich fühle. Abwarten und wachsen lassen? So einfach kann es nicht sein!
Drei Gedanken stimmen mich trotzdem hoffnungsvoll:

Wachstum fängt klein an. Wo Wachstum in unserem Leben beginnt, sieht der Außenstehende erst einmal nichts.  Situationen, die mich getröstet haben oder Begegnungen die mich stärken sind von außen nicht einfach als solche erkennbar. Und nicht selten merke ich selbst erst nach einiger Zeit, was mir damals gutgetan hat. Wie der Sämann den Samen nicht einfach nur um sich werfen kann, so brauchen auch wir Christen Achtsamkeit für uns und andere, um das keimende Reich Gottes zu erahnen.  „…denn als Glaubende gehen wir unseren Weg, nicht als Schauende.“ (2 Kor 5,7)

Das Reich Gottes wächst, aber nicht nach unseren Vorstellungen! Nicht Macht und Einfluss, nicht die Statistiken der Kirchen sind der Maßstab mit der das Wachstum des Gottesreiches gemessen werden kann. Der Blick in die Geschichte ist immer wertvoll, aber nicht um aus dem Vergleich der Strukturen und Einflussmöglichkeiten von damals auf ein schlechter uns besser heute zu schließen. Über den Senfbaum im Evangelium ist keine Größe überlieft, wohl aber ein anderes Kriterium: Er ist dazu da, denen die vorbeikommen Schatten zu spenden. Die Hochschulgemeinde verstehen wir als Ort, der nicht einengt, sondern Platz schafft miteinander „im Leben“ zu wachsen.

Wachstum lebt von unserer Arbeit und von Gottes Hilfe. Kein Abwarten und wachsen lassen, aber auch kein Aktionismus in der Sorge um sich selbst. Es braucht eine transparente Aufarbeitung in allen Bereichen der Kirche. Es braucht mutige Reformen, damit die Menschen in der Kirche wieder wachsen können. Doch nicht alles können wir uns erarbeiten. Den Gedanken von Bischof Bertram finde ich wichtig: So sehr wir uns neues Vertrauen der Menschen in die Kirche wünschen – das können wir uns nicht erarbeiten. Vertrauen kann man sich nur schenken lassen. Wachstum ist Geschenk und Aufgabe. Eine Pflanze kann sich selbst wachsen lassen. Setzten wir uns für das Wachstum anderer ein, dann können wir das eigene Wachstum geschenkt bekommen.

Die Kirche in Deutschland ist an einem toten Punkt angekommen. Doch, so möchte ich hoffen, gerade damit einen Schritt näher am Reich Gottes,  auf dem Weg zu der Gemeinschaft, in der das Leben für alle wieder aufblühen kann.

Dennis Nguyen