Gott lieben - wie geht das?

Freitag, 23 Oktober 2020

Gott lieben - wie geht das?

Ein Werktag. Ich gehe in die Kirche, um die Abendmesse zu feiern, zu der sich überwiegend ältere Menschen einfinden. Heute sehe ich auch einige jüngere. Nur, sie kommen nicht in die Kirche, sie eilen an ihr vorbei. Wohin des Weges?, frage ich, die ich vom Sehen her kenne. Wir haben Pfarrgemeinderatssitzung, so die engagiert-unschuldige Antwort. – Die Szene ist mir in Erinnerung geblieben. Und kommt mir erneut in den Sinn, wenn ich im Sonntagsevangelium lese: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken.“ (Mt 22,37) Das ist das erste Gebot, sagt Jesus, fügt freilich das zweite als ebenbürtig hinzu: den Nächsten zu lieben wie sich selbst.

Zurück zum Pfarrgemeinderat und den Messbesucherinnen: Das engagierte Zusammenkommen des Pfarrgemeinderats während der Liturgie geht wohl auf die Nächstenliebe zurück: Für das Wohl der Pfarrei zu sorgen. Das ist uns – gottlob – in Fleisch und Blut übergegangen: Helfen, Zeit haben, trösten, Schöpfung bewahren, für Gerechtigkeit einstehen, die Diakonie planen, der Gesellschaft nützen. Fast in jeder Predigt hört man davon. Aber wie man Gott lieben soll, darüber wird wenig geredet. Dabei ist das das erste Gebot.

Gott lieben, wie geht das also? – Schwierig, weil man Gott nicht sieht, nicht spürt, ihn nicht anfassen kann, weil er oft ganz der Ferne ist. Als würde jemand sagen: Du sollst den Staatspräsidenten oder den Papst lieben. Kann man überhaupt Liebe befehlen?

Vielleicht helfen uns die, die zum Gottesdienst gekommen sind. Zunächst zum Rosenkranz vielleicht und dann zur Heiligen Messe. Was tun sie eigentlich für die Pfarrei und Gesellschaft Nützliches? Beten, dass die Arbeit gelingt oder der liebe Gott dafür seinen Segen gibt? Das tut er ohnehin, zumal wenn es um die Nächstenliebe geht. So zu denken, wäre schon wieder eine Funktionalisierung des Christlichen. Nein, sie kommen als Freunde Gottes, die seine Größe bekennen und loben wollen, die seine Liebe preisen, die Beziehung zu ihm pflegen, zweckfrei und selbstlos. Freundschaft plant man nicht, sie lebt man. Die Liebe ist nicht nützlich, sie ist Kraftquelle. Und sie braucht Zeichen, Zeiten und Orte, um zu erblühen, damit daraus Früchte der Nächstenliebe reifen. Dabei nicht zu vergessen: Gott braucht unsere Liebe nicht: „Du bedarfst nicht unseres Lobes, … unser Lobpreis kann deine Größe nicht mehren. Doch uns bringt es Segen und Heil“ (4. Werktagspräfation). Denn nur Liebende haben Kraft, über sich hinauszuwachsen, Großes zu leisten.

Zwei Gruppen ein- und derselben Pfarrei, jede in ihre Richtung: die einen zur Sitzung, die anderen zum Gottesdienst. Die einen dem Gebot der Nächstenliebe folgend, die anderen der Gottesliebe. Beides ist gleich wichtig, sagt Jesus. Und es geht das eine nicht ohne das andere. So lag mir damals das Wort auf der Lippe: Aber wieso zur Sitzung während des Gottesdienstes? Ich hab’s nicht gesagt, um die Gefühle nicht zu verletzten. Aber zu bedenken ist es allemal. Denn das zweite Gebot resultiert aus dem ersten.

P. J. Gregur