Der Tod geht vorbei

Mittwoch, 31 März 2021

Der Tod geht vorbei

Der Tod geht vorbei - diese etwas eigenartige Überschrift hat ein Schüler einmal der ersten Lesung des Gründonnerstages gegeben. Mose bekommt von Gott den Auftrag, das Paschafest zu feiern.  Es ist der Beginn des Auszuges aus Ägypten, der Anfang der Befreiung aus der Sklaverei.  Was am Anfang dieser Rettung steht, übersehen wir allzu schnell: Der Auszug aus Ägypten ist teuer erkauft. Die Erstgeborenen der Ägypter müssen sterben. Das Blut an den Türpfosten schützt die Israeliten, aber es ist das Blut, das den jungen Lämmern den Tod gebracht hat.  Die Bitterkräuter, die zum Lamm des Pessachmahles gereicht werden, machen deutlich: Das Fest ist ein Essen im Angesicht des Todes. Es gibt keine Familie, die nicht die Bitternis des Leids in dieser Stunde der Rettung kennt. Keine Befreiung aus der Sklaverei ohne, dass dafür andere mit dem Leben bezahlt haben. Wer am Leben bleiben durfte, ist unweigerlich verflochten mit dem Tod.

Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Erzählung einigen nicht schmeckt. Eine martialische Erzählung aus früheren Zeiten, die nicht mehr ins heute passt.  Wozu die Rede um die Opfer? Wozu das Schlachten der Lämmer? Ist nicht auch eine vegetarische Version des Paschamahls möglich? Es muss doch möglich sein, dass ein Leben nicht auf Kosten anderen Lebens möglich ist!

Am Gründonnerstag feiern wir nicht mehr das Paschafest, sondern das letzte Abendmahl Jesu. Kein Lammfleisch auf dem Altar, sondern die „vegetarischen“ Gaben von Brot und Wein. Ein Zeichen dafür, dass der alte Kult des Opferns überholt ist? Sicher, unser Gottesdienst ist auf den ersten Blick „vegetarischer“ geworden. Aber dann eigentlich doch nicht. Jesus spricht beim Letzten Abendmahl über die Gaben Brot und Wein: Das ist mein Fleisch, das ist mein Blut, hingegeben für euch. Reine Rhetorik?

Der Anschein, wir hätten diese Zeit des Alten Testaments in unserer Welt überwunden, trügt. Wir erleben die Nacht des Paschafestes auch heute. Der Tod geht vorbei. Nicht erst seit dem Coronavirus stehen wir ratlos vor der Frage: Warum wurde ich verschont, während andere, schuldlos, unerklärlich starben? Und auch Unterdrückung und Unfreiheit sind heute noch Realität.

Die Welt lebt, weil einige sich opfern. Nicht selten arbeiten andere für unseren Wohlstand bis zur Hingabe ihres Lebens. Unschuldiges Blut wird vergossen, ungerechte Opfer von anderen verlangt.

Davon unterscheiden müssen wir die vielen Menschen, die sich freiwillig und aus Überzeugung für andere opfern. Mit Hingabe leben, arbeiten, helfen, spenden. Die Welt lebt, weil einige ihre eigenen Interessen hintenanstellen und sich aufopferungsvoll für Benachteiligte, Schwache, für Kinder und Alte, für Fremde und Einheimische einsetzten.

Jesus schafft das Opfern der Lämmer für den Gottesdienst nicht ersatzlos ab. Vielmehr stellt er sich bei der letzten Paschafeier selbst an die Stelle des Opferlammes. Sein eigenes Leben und Sterben deutet er als ein Leben und Sterben für die Menschen. Sein Leben, damit unser Leben Erfüllung findet: in Versöhnung, in Freiheit, mit Frieden. Jesus Christus ist das Opferlamm des Neuen Bundes, so sagt das Neue Testament über ihn. In einer Welt, in der alle mit Leid und Tod verstrickt sind, in der Ungerechte und Unschuldige geopfert werden, feiern wir Eucharistie – den Dank für Jesu stellvertretende Lebenshingabe.

Wenn Gottes Sohn Opfer menschlicher Ungerechtigkeit wurde, dann hat es für uns eine besondere Dringlichkeit alle Situationen zu beenden, in der Ungerechtigkeit und Unterdrückung Menschen zu Opfern zwingt und wir auf Kosten anderer leben.

Wenn Gottes Sohn sich im Abendmahlssaal vor den Jüngern hinkniet um ihnen die Füße zu waschen, dann hat der freiwillige, überzeugte Dienst an anderen Menschen höchsten Wert für uns, wie für die Welt. „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“ Der Auftrag Jesu, „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ erklingt über dem Gottesdienst hinaus.

Als Theologe will ich keine Empfehlung über Ernährungsgewohnheiten geben. Aber theologisch gesprochen, ist das Leben als Christ kein Leben als Vegetarier – sprich ein Leben, das sich der Lebenshingabe entziehen will. Wir dürfen Lebenskraft schöpfen aus den Leben Jesu.

So gesehen sind die drei österlichen Tage, die mit dem Gründonnerstag beginnen, kein „vegetarisches Fest“, aber auch kein Opferkult. „Es gibt kein Leben, ohne den Tod anderen Lebens.“ Dieser Satz wird verwandelt in: Es gibt kein erfüllteres Leben, als die liebende Hingabe meiner Lebensenergie. Dann heißt es: Der Tod ist vorbei.

Dennis Nguyen