Advent

Freitag, 27 November 2020

Advent

Wieder da, der Advent, die Zeit der Erwartung und Wachsamkeit. Aber was wird erwartet? Weihnachten? Ok, Kinder freuen sich auf solche Spielchen: Christkind kommt, bringt Geschenke. Die Erwachsenen sollten aber wissen, – so die Prediger mit dem moralischen Zeigefinger – dass Jesus das eigentliche Geschenk von Weihnachten ist. Nur ist Jesus schon vor zweitausend Jahren gekommen. Muss man jedes Jahr von neuem so tun, als ob er am 25. Dez. wiederkäme und erwartet werden müsste; theologisch wohl etwas zu einfach gestrickt?

Was die Theologen immer haben! – Die adventliche Stimmung ist trotzdem schön: die behagliche Bude bei klirrender Kälte draußen, Glühwein und Plätzchen bei Freunden; vielleicht auch eine stimmungsvolle Weihnachtsfeier (ach ja, die fallen dieses Jahr aus!) oder vielleicht sogar eine Roratemesse bei Kerzenlicht.

Gegenrede, wieder theologisch: Hat das wirklich was mit Gott, mit der Wachsamkeit zu tun, mit dem Auf-dem-Sprung-sein, mit dem Blick in die Lebenstiefen, christlich: mit Kreuz und Auferstehung, mit den Armen und Hungernden, jenen ohne Dach über dem Kopf, die von Krankheit gequält dem Tod ins Auge schauen?

Vorweihnachtliche Gemütlichkeit oder der Ernstfall des Lebens – was ist nun der wahre Sinn des Advents? – Tatsächlich ist für Jesus dann Advent, wenn „die Mächte des Himmels“ durcheinandergeraten, wenn der Boden unter den Füßen schwankt, wenn alles Geordnete nicht mehr gilt, wenn alle Sicherheiten wegfallen und Gott der einzige Rettungsanker ist.

 Mich beeindruckte die seltsame Erfahrung eines Mannes im Luftschutzkeller von Berlin am Ende des 2. Weltkrieges: Zunächst fühlte er sich bei aller Angst dort, in Gemeinschaft mit anderen, irgendwie sicher. Als aber die Wände des Kellers unter Bombenhagel zu bersten drohten und der Putz flog, wo es also sicher dem Ende entgegenging, da wandelte sich die Todesangst in einen seltsamen inneren Frieden, eine bisher nie gekannte Ergebenheit. War das ein adventlicher Augenblick?

Seid wachsam, sagt Jesus. Nicht in der Ich-Zentriertheit des Wohlgefühls, sondern in der Dezentriertheit des Ego auf das Große und Ganze, auf Gott hin. Denn sein Kommen muss das Gewohnte aufbrechen, um Neues möglich zu machen.

An diese Dialektik erinnert der Advent in seinem ersten Teil, bis zum 17. Dezember. Da geht es durchaus in erster Linie um das endzeitliche Kommen des Herrn, das allem Geknechteten, Zu-kurz-Gekommenen und Duldenden Recht verschaffen wird. Eine ernste Zeit also (deshalb das Violett in der Kirche und kein Gloria). Ab dem 17. Dezember dann, dem zweiten Teil des Advents (O-Antiphonen), kommt dazu die Vorfreude und die nähere Vorbereitung aufs Weihnachtsfest. Spätestens da könnte, sollte man neben Plätzchen und Weihnachtsbaum auch an das innere Aufräumen denken. Unter Umständen mit einem Lebens- oder Beichtgespräch.

Also doch irgendwie sauertöpfisch das Ganze, zumal bei Menschen im Saft des Lebens? – Nein, denn zumindest bei Jesus geht es niemals um eine Verkürzung der Lebensfreude, er warnt nur vor kurzen Abstechern und ‚breiten Wegen‘ (Mt 7,13). Wer die Zeit des reifenden Wartens nicht erträgt (quasi die Weihnachtsstimmung schon im Oktober haben will), kommt auch am Fest kaum auf seine Kosten.

Insofern ist Warten nicht nur etwas für kindliche Gemüter, um die Konsumspannung zu erhöhen. Warten ist vielmehr eine Chance zur Klärung der eigenen Standpunkte, Beziehungen und Bedürfnisse. Die vielleicht Gott im Wege stehen. Dazu kann dann auch eine Verklärung des Advents zur „staden“ Zeit in romantischer Candlelight-Stimmung durchaus etwas beitragen.

P. J. Gregur