Abgrund des Seins

Freitag, 02 April 2021

Abgrund des Seins

Menschen fragen – bewusst oder unbewusst – nach dem Sinn des Lebens. Diejenigen, die bewusst fragen, Philosophen und Theologen beispielsweise, fragen auch nach dem Sein dahinter: Ist alles, was wir sehen, messen, betasten und erfahren wirklich oder nur Schein? Klingt albern, aber wenn man Träume anschaut, den Wechsel der Gefühle, Freundschaft und Feindschaft, Liebe und Hass, merkt man wie seltsam ‚unwirklich‘ alles sein kann. Und wenn es dick kommt, Sinn-los. Trotzdem ist es für die meisten ausgemacht, dass die Wirklichkeit um uns wahr und sinnvoll ist.

Einige einflussreiche Denker des 19. und 20. Jhs. sagen: Die Frage nach Sinn und Sein ist falsch gestellt, sie setzt schon voraus, dass es diese gibt. Überhaupt neige das Denken dazu, sich etwas vorzumachen. Die Erfahrungen des ‚Daseins‘, des Todes, der Angst und Schuld ließen ahnen, dass es keinen Seinsgrund gibt, eher einen gähnenden Abgrund: Wir blickten in die Leere des Nichts!

In diesen Tagen der Passion Jesu hören wir den geheimnisvollen Satz aus dem Johannesevangelium: „Sie werden auf den schauen, den sie durchbohrt haben“ (Joh 19,37). – Auf einen Toten schauen? Mit dem angeblichen Mut der philosophischen Verzweiflung sozusagen: Du sollst dem Nichts tapfer in die Augen schauen, das führt dich aus der Täuschung in die Eigentlichkeit des Daseins. Nimmt den Tod und die Angst einfach hin, dann bist du frei?

Dass es einen Daseins-Abgrund gibt, steht außer Zweifel, der Mensch selbst ist ein Abgrund, darüber schrieb einer ein dickes Buch (F. Ulrich, Homo abyssus). Aber in der tiefsten Tiefe dieses Abgrunds ist nicht Sinn-loses Nichts. Sondern der Gekreuzigte des Karfreitags ist der Sinn. Wir sollten den Blick auf ihn halten und aushalten. Nicht um unseren Mut zum Nichts zu beweisen, sondern in der Ahnung, dass hier ein geheimnisvoll-dialektischer Quantensprung des Lebens vor sich geht: Gott lässt sich zunichtemachen, damit das Dasein Sinn-voll wird.

J. Gregur